Ekkehard Bartsch
  

Hobble-Frank knippst den Schein

Nochmal Mark Twain und Karl May

   

In seinem Beitrag ›Besuch in Hannibal (Missouri)‹ bringt Christian Heermann interessante Impressionen vom Besuch der Mark-Twain-Gedenkstätten und gibt Einblick in die Biografie von Mark Twain alias Samuel Langhorne Clemens (1835–1910). Wie in Hannibal die Erinnerung an den großen Schriftsteller wachgehalten wird, könnte sicherlich – übertragen auf Karl May – Anregungen für Hohenstein-Ernstthal und Radebeul bieten. Freilich kann man über manche Formen der Rundum-Vermarktung auch geteilter Meinung sein.

Offen lässt Christian Heermann die Frage, ob Karl May jemals von Tom Sawyer und Huckleberry Finn gehört hat, und nach heutigem Kenntnisstand gibt es auch keinerlei Hinweise darauf. Wohl aber war ihm der Name Mark Twain ein Begriff. In Mays handschriftlichem Bibliothekskatalog ist, wie schon Heermann vermerkt, unter den Nummern 1690–1692 ›Mark Twain‹ aufgeführt, freilich ohne Titelangabe.
  

Skizzen Skizzen

Archiv: Karl-May-Stiftung
  

Es handelt sich um drei Reclam-Bändchen aus der sechsbändigen Reihe ›Ausgewählte Skizzen‹. Bereits in den ›Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft‹ Nr. 67 (Februar 1986) hatte Hartmut Kühne auf die überraschende Verbindung zwischen Mark Twain und Karl May hingewiesen. In Teil IV der ›Skizzen‹ findet sich nämlich die Burleske »Knipst, Brüder, knipst!«, eine skurrile Erzählung (in der Übersetzung von H. Osmin), die sich rankt um die Verszeilen:

        Schaffner, steigt ein Fahrgast ein,
        Knipst ein Loch in den Schein hinein!
        Für die Zehnpfennig-Tour einen weißen Schein,
        Für die Zwanzigpfennig-Tour einen grünen Schein,
        Für die Dreißigpfennig-Tour einen blauen Schein,
        Knipst ein Loch in den Schein hinein!
        Chorus:
        Knipst, Brüder, knipset fein!
        Knipst ein Loch in den Schein hinein!


Aber was hat das mit Karl May zu tun? Hierzu muss man auf die Originalfassung von Mays Jugenderzählung ›Der schwarze Mustang‹ (1896/97) zurückgreifen. Da befinden sich – im dritten Kapitel – Winnetou, Old Shatterhand und Hobble-Frank zusammen mit dem gefangenen Komantschenhäuptling Tokvi-Kava am Rande der Schlucht, in der seine Krieger eingeschlossen sind, um ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage zu demonstrieren. Hobble-Frank nun möchte dem Indianer eins auswischen und meint spöttisch zu Old Shatterhand, er wolle zusammen mit dem Häuptling »nachher mit der Drahtseilbahn im Wagen erschter Klasse wieder ’nunterrutschen«, wobei es dem kleinen Westmann »in allen Gliedern juckt, ihm den Fahrschein zu coupieren«. Dies mache er »nach der alten, guten Regel«:

        Knipps, o knipps in diesen Schein,
        Knipps een kleenes Loch hinein!
        Knipps in diesen blauen Schein
        Een Loch für fünfzehn Pfenn’ge ein!
        Knipps in diesen grünen Schein

        Een Loch für zwanzig Pfenn’ge ein!
        Knipps in diesen roten Schein
        Een Loch für dreißig Pfenn’ge ein!
        Knipps in diesen gelben Schein
        Een Loch für vierzig Pfenn’ge ein!
        Knipps, o knipps in jeden Schein,
        Knipps een kleenes Loch hinein!

Old Shatterhand dagegen empfiehlt dem »kleinen Konfusionsrat«, sich, wenn er wieder in der Heimat sei, als Pferdebahnschaffner engagieren zu lassen, »hier aber wird nicht geknippst!«

Eindeutig sind diese Hobble-Frank-Verse eine Verballhornung der Verszeilen aus der Mark-Twain-Burleske, die übrigens bis heute in zahlreichen Ausgaben ›Heitere Erzählungen‹oder ›Lustige Geschichten‹ von Mark Twain nachgedruckt worden ist.
 

Mustang

Archiv: Ekkehard Bartsch

   
Im Jahre 1899 erschien ›Der schwarze Mustang‹ als Band 1 der über Jahrzehnte sehr erfolgreichen Jugendbuchreihe ›Kamerad-Bibliothek‹ im Union-Verlag, und hier finden sich Hobble-Franks ›Knipps‹-Verse auf Seite 207. Sie blieben darin bis zur ›37. Auflage‹ (recte: 37. Tausend) im Jahre 1918. Mit Brief vom 17. August 1918 erhielt der Union-Verlag vom Karl-May-Verlag die Genehmigung, honorarfrei den Text der Neubearbeitung von Euchar Albrecht Schmid auch für den Abdruck in der ›Kamerad‹-Reihe zu verwenden (vgl. Hermesmeier/Schmatz, Karl May Bibliografie 1913–1945, Seite 335). Als im Jahre 1913 Klara May für den neu gegründeten ›Verlag der Karl-May-Stiftung‹ (ab 1915 ›Karl-May-Verlag‹) die Rechte an Mays Jugenderzählungen vom Union-Verlag zurückerwarb, wurde für den ›Schwarzen Mustang‹ eine Sonderregelung vereinbart, da der Verlag den ersten Band seiner ›Kamerad-Bibliothek‹ nicht permanent als ›vergriffen‹ melden wollte. Und so durfte er die Erzählung auch weiterhin unter dem alten Titel innerhalb der Reihe bringen (ab dem 38. Tausend dann in der bearbeiteten Fassung), während sie 1916 vom Karl-May-Verlag als Titelgeschichte in den Band 38 der Gesammelten Werke ›Halbblut‹ aufgenommen wurde.

Bei der Bearbeitung der Jugenderzählungen für die Eingliederung in die Gesammelten Werke wurden (nicht zuletzt aus Umfangsgründen) zahlreiche Dialog-Kürzungen vorgenommen, vor allem auch innerhalb der Hobble-Frank-Texte, in denen dieser seine Gelehrsamkeit unter Beweis stellen will und dabei pausenlos klassische Zitate aus Dramen und Balladen verdreht, Autoren oder geschichtliche Zusammenhänge verwechselt und zur Erheiterung seiner Mitreisenden empört ist, wenn man ihn korrigieren will. Den Bearbeitern erschienen viele dieser Verballhornungen und Verdrehungen zu ausufernd, zu überzogen oder zu banal, und so wurden sie drastisch zusammengestrichen. Dadurch fielen damals auch die ›Knipps, o knipps‹-Verse dem Rotstrift zum Opfer, wobei den Bearbeitern die Mark-Twain-Quelle vermutlich gar nicht gegenwärtig war. So blieb diese auch weiterhin verborgen, da kein Leser der ›Halbblut‹-Fassung und kein Leser der späteren ›Kamerad-Bibliothek‹-Auflagen den Hobble-Frank-Ulk zu Gesicht bekam. Auch in der 1997 revidierten Fassung von ›Halbblut‹ wurde Schmids Bearbeitung von 1916 im Wesentlichen beibehalten und lediglich im Schlusskapitel das oft kritisierte, in die Bearbeitung eingefügte Ende des Ik Senanda weitgehend auf die Original-Version zurückgeführt.

Innerhalb der ›Kamerad-Bibliothek‹ erschien der Band bis 1931 weiterhin in der gleichen Ausstattung, auch mit den gleichen Illustrationen von Oskar Herrfurth, doch lässt sich an der Seitenzahl mit einem Blick erkennen, ob noch die Originalfassung oder bereits der bearbeitete Text vorliegt. Der Originalband umfasste 344, die bearbeitete Ausgabe nur noch 263 Seiten. In späteren Neuauflagen (ab 1937 bis Ende der 50er Jahre) wechselten dann die Ausstattung und die Illustrationen; es blieb jedoch weiterhin bei der bearbeiteten Fassung des Karl-May-Verlags.

Erst in jüngerer Zeit wurde durch neue Karl-May-Editionen der Originaltext wieder zugänglich, vor allem durch den Zeitschriften-Reprint der Karl-May-Gesellschaft ›Der schwarze Mustang‹, sowie den gleichnamigen Band der Historisch-kritischen Ausgabe, der ebenfalls wortgetreu den Text des Erstdrucks enthält. Hier kann Hobble-Frank auf Seite 179 wieder den Gebrauch seiner ›Coupierzange‹ ankündigen.

Dieser Ausflug in editionsgeschichtliche Zusammenhänge zeigt, welche überraschenden Querverbindungen zu anderen Autoren sich auch heute noch im Werk Karl Mays finden lassen. Man kann Hobble-Franks Ulk als kleine Verbeugung des sächsischen Autors vor seinem amerikanischen Kollegen betrachten, indem er – in abgewandelter Form – dessen skurrile Einfälle in seine sächsische Mundart übertragen hat.

 


  

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