Lieferung 84

Karl May

17. Mai 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 1993 //

Ich wollte Euch gern beglücken.

Ein blitzschneller, stechender Blick fiel aus ihrem Auge auf ihn. Ihr Gesicht wurde kalt und streng, und mit einer plötzlichen Ruhe und Sicherheit, durch welche seine Leidenschaft nur doppelt tief aufgewühlt wurde, fragte sie:

»Was ist das, was Ihr aufbieten könntet, Sennor?«

Sie nahm ihre Tasse vom Tische, führte sie an die Lippen und sog den süßen, braunen Trank ganz in der Weise einer Person, für welche die Chocolade augenblicklich das ganze vorhandene Interesse absorbirt. Dieser Ueberlegenheit gegenüber war er machtlos. Er sprang auf und sagte:

»Ah, Ihr haltet mich für den einfachen, armen Pater Hilarius?«

»Für wen oder was sollte ich Euch sonst halten?«

»O, die einfache Hülle verbirgt oft sehr viel. Sagt, was Ihr von dem Manne verlangt, dem Ihr angehören möchtet!«

»Wozu? Ihr könntet dieser Mann doch nicht sein!«

»Warum nicht?«

»Ihr seid ja Pater, Ihr seid ja Mönch!«

»Mönch? Wo denkt Ihr hin! Das ist längst vorüber. Ich bin aus dem Orden getreten und kann thun, was mir beliebt.«

»Ah, das ist etwas Anderes. Ihr dürft also heirathen?«

»Wer will es mir verwehren? Also sagt, was Ihr von Eurem Manne verlangen würdet, Sennorita!«

»Zunächst Liebe, heiße, treue Liebe!«

»Diese ist da. Oder zweifelt Ihr daran?« rief er, tief erregt.

»Ich will es glauben.«

»So sprecht weiter!«

»Ich bin zwar nicht reich, Sennor, habe aber auch nie mit der Armuth zu kämpfen gehabt. Ich würde Garantie verlangen, daß ich Mangel und Entbehrung niemals kennen lernen würde. Urtheilt nicht vorschnell über dieses mein Verlangen, Sennor! Wenn ich auf die Freuden der Jugend verzichte, so ist eine Genugthuung in anderer Weise nicht mehr als recht und billig.«

»Ich verstehe Euch vollständig, Sennorita, und ich sage Euch, daß ich an Eurer Stelle ganz ebenso handeln würde. Glücklicher Weise kann ich Euch die Versicherung geben, daß ich reich, sehr reich bin.«

»Ihr?« fragte sie ungläubig. »Reich? Sehr reich?«

Ihr Blick fiel dabei mit stolzem Ausdrucke auf sein unscheinbares Aeußere.

»Urtheilt nicht nach meinem Gewande, Sennorita!« sagte er.

»Gut. Ihr versichert mir, daß Ihr reich seid. Könnt Ihr es mir auch beweisen?«

Er blickte nachdenklich und einigermaßen verlegen vor sich nieder.

»Ja, ich kann es beweisen,« sagte er dann im entschlossenen Tone.

»So thut es!«

»Ich müßte vorher die Ueberzeugung haben, daß Ihr mir auch wirklich Eure Hand reichtet, falls ich Euch beweise, daß ich reich bin.«

»Diese Ueberzeugung kann Euch vielleicht werden, wenn Ihr im Stande seid, meine zweite und letzte Bedingung zu erfüllen.«

»Welche Bedingung wäre dies, Sennorita?«


// 1994 //

»Ihr könnt Euch denken, daß ich mir nicht einen Mann nehme, um »Frau Paterin« zu werden. Ich verlange eine Stellung.«

»Was versteht Ihr unter diesem Worte?«

»Ich verstehe darunter eine geachtete, öffentliche Existenz, welche mir Gelegenheit giebt, die mit verliehenen Geistesgaben zur Verwerthung zu bringen.«

»Ah, Ihr verlangt viel, sehr viel, Sennorita,« sagte er.

Da erhob sie sich langsam von ihrem Sitze und stellte sich vor ihm hin. Er sah sie wie ein Bild, von Künstlerhand aus üppigem Material gemeiselt und mit einer Gewandung versehen, welche nur angelegt zu sein schien, die Reize dieser sinnberückenden Figur zu verdoppeln, nein, zu verzehnfachen. In ihrem Gesichte lag ein unwiderstehliches, hinreißendes Selbstbewußtsein, als sie fragte:

»Ihr meint, daß ich zu viel verlange? Seht mich an! Ich weiß, daß ich schön bin, aber ohne darauf stolz zu sein. Ich weiß, daß der Mann, den ich besitzen will, mich auch lieben wird, wenn ich es einmal will. Ich werde nach Mexiko an den Hof des Kaisers gehen. Ich werde dort zu den Schönheiten zählen, vor denen man auf den Knieen liegt und meine intellectuellen Eigenschaften werden mich befähigen, den Eindruck meiner äußern Erscheinung auf das Vortheilhafteste zu verwerthen. Ich werde bald Einfluß und Ansehen besitzen und unter den Männern von Bedeutung denjenigen wählen, der mir meiner werth erscheint. Das Alles weiß ich. Lächelt meinetwegen darüber! Nennt es Anmaßung, Selbstüberhebung; ich habe nichts dagegen. Aber wenn Ihr Menschenkenner seid, so muß Euch die ruhige Ueberzeugung, mit welcher ich spreche, genügende Garantie bieten, daß ich mich genau kenne, daß ich meine Mittel zu berechnen weiß und daß ich nicht phantasire.«

Sie stand vor ihm und er vor ihr, er der kleine, hagere, alte Mann vor diesem unvergleichlich schönen Weibe, aber es war ihm keine Muthlosigkeit anzusehen. Es lag vielmehr der Ausdruck des Stolzes auf seinem glatten, grob materialistisch gezeichneten Gesichte, als er antwortete:

»Was denkt Ihr von mir, Sennorita! Ich verkenne Euch nicht, sondern ich bin überzeugt, daß Ihr die Wahrheit sagt. Ja, Ihr werdet Eure Rolle spielen, wenn Ihr nach Mexiko kommt; Ihr werdet Ehren und Einfluß erlangen, denn Ihr seid wunderbar schön und versteht, zu berechnen. Aber selbst hierbei bedarf die begabteste Frau der männlichen Hilfe und Leitung. Ich sehe, daß wir uns ebenbürtig sind. Wollt Ihr Euch meiner Leitung anvertrauen?«

»Ebenbürtig?« lächelte sie. »Wie meint Ihr das?«

»Ich meine natürlich geistig gleich begabt, nicht körperlich, denn da habe ich Euch nichts zu bieten und Ihr steht hoch über mir.«

Ihr Gesicht nahm den Ausdruck der Güte und Milde an, mit welcher man zu einem Kinde spricht, als sie jetzt langsam fragte:

»Ah, Ihr seid auch geistig begabt, Sennor?«

Er wußte gar nicht, was für ein Gesicht er zu dieser Frage machen sollte. Er wurde beinahe verlegen und in befangenem Tone fragte er:

»Zweifelt Ihr daran?«

»O nein. Ein jeder Mensch besitzt ja mehr oder weniger geistige Begabung.


// 1995 //

Aber wenn man diese Begabung nach der Stellung beurtheilt, welche Ihr Euch errungen habt, so - hm, vollendet Euch den begonnenen Satz selbst.«

Jetzt spielte ein leichtes, spöttisches Lächeln um seine Lippen.

»Welche Stellung begleitet denn Ihr, Sennorita?« fragte er.

»Ah, Ihr werdet scharf und spitz,« lachte sie. »Es giebt Stellungen und Einflüsse, von denen man nicht spricht, Sennor.«

»Da habt Ihr ein sehr wahres Wort gesprochen. Also sprechen wir von meiner Stellung und meinen Einflüssen ebenso wenig, wie wir von den Eurigen reden wollen, wenigstens für jetzt.«

»Aber wenn wir darüber schweigen, wie wollt Ihr mir beweisen, daß Ihr mir eine Existenz bieten könntet, wie ich sie verlange?«

»Das ist nicht schwer. Ich bin bereit, Euch diesen Beweis zu liefern, wenn ich von Eurer Verschwiegenheit überzeugt sein kann.«

»Ich verstehe zu schweigen, Sennor.«

»Gut, so kommt mit mir.«

Er nahm zwei Schlüssel von der Wand und brannte sich eine kleine Blendlaterne an. Sie fixirte die beiden Nägel, an denen die Schlüssel gehangen hatten, um sich dieselben genau zu merken.

Nun verließ er mit ihr das Zimmer und stieg eine Treppe hinab. Er führte sie durch einen langen niedrigen Keller und öffnete mit einem der Schlüssel eine starke, eichene Thür, welche in einen zweiten Keller führte. Hier gab es abermals eine Thür, welche von dem zweiten Schlüssel geöffnet wurde. Sie traten in einen langen schmalen Gang, in welchem rechts und links zahlreiche Thüren angebracht worden.

»Das waren die Gefängnißzellen des Klosters della Barbara,« sagte er.

Er schob den Riegel von einer dieser Thüren zurück und öffnete. Sie traten in eine dumpfe, kleine Zelle, die weder Licht noch Luft hatte. Sie schien in die compacte Masse des Felsen eingehauen zu sein, obgleich dieser Letztere zahlreiche kleine Risse und Sprünge zeigte.

»Leer!« sagte sie. »Soll ich etwa hier den erwarteten Beweis finden?«

»Allerdings,« antwortete er.

»In welcher Weise?«

»Das werdet Ihr gleich sehen.«

Er bemerkte nicht, daß sie mit scharfem Auge jede, auch die kleinste seiner Bewegungen verfolgte und beobachtete.

Er leuchtete an einen der erwähnten Sprünge. Es war der bedeutendste, obgleich er kaum so stark war, daß man den kleinen Finger hinein zu bringen vermochte. Nur an einer einzigen Stelle war es möglich, die flache Hand in den Riß zu stecken. Der Pater that dies und sogleich ließ sich ein leichtes Rollen vernehmen. Ein Theil der Felsenwand, welcher von dem Risse ganz unauffällig umzeichnet wurde, wich zurück und nun sah Sennorita Emilia einen größeren, finstern Raum vor sich, in den sie traten, ohne daß der Pater den Eingang wieder verschloß.

Er trat voran und sie folgte ihm. Bei dieser Gelegenheit legte sie ihre Finger genau an diejenige Stelle des Risses, in welche er seine Hand gesteckt


// 1996 //

hatte. Sie bemerkte einen dicken Stift, welcher vielleicht einen halben Zoll hoch aus dem Steine hervorragte, doch hütete sie sich sehr, daran zu drücken; der Felsen hätte sich ja zurückbewegen und sie also leicht verrathen können. Das mußte sie vermeiden.

In dem verborgenen Raume angekommen, erblickte Emilia auf Tischen und Gestellen eine ganze Menge von Büchern, Flaschen, Kapseln, Instrumenten und Apparaten, über deren Zweck sie kein Verständniß hatte.

Der Pater schritt an diesen Sachen vorüber und blieb vor einer leeren Stelle der Mauer stehen. Er klopfte daran und sagte:

»Dahinter steckt der Beweis, welchen Ihr verlangt.«

Das Klopfen hatte dumpf und hohl geklungen. Auch jetzt blickte Emilia mit größter Spannung nach seiner Hand, um sich keine Bewegung derselben entgehen zu lassen. Hilario hielt die Laterne näher an die Wand, so daß das Licht derselben scharf auf die Mauer fiel. Da erblickte das Mädchen nun allerdings eine Art Linie, welche ein viereckiges Stück Mauerwerk scharf von dem Uebrigen abgrenzte.

»Das ist eine Thür,« sagte er. »Sie hat gar kein Schloß. Sie dreht sich um eine Mittelachse, so daß man nur auf der einen Seite scharf zu schieben braucht, um sie zu öffnen.«

Er stemmte sich kräftig gegen die Mauer, und sogleich gab das durch den Strich abgegrenzte Stück derselben nach. Es entstand eine mannshohe und halb so breite Oeffnung, hinter welcher ein dunkler Raum lag.

Der Pater trat ein und Emilia folgte ihm, von der größten Neugierde erfüllt. Das Gemach hatte keine andere Oeffnung als diese Thür. Es standen mehrere große Kisten darin, und an der einen Mauerseite war ein Schränkchen befestigt, an welchem kein Schloß zu bemerken war. Der Verschluß schien ein sehr geheimnißvoller zu sein, und doch war er so einfach wie nur denkbar. Der Pater zog nämlich die vordere Seite wie einen Schieber heraus und nun zeigte es sich, daß der Inhalt aus allerlei Briefen und anderen Scripturen bestand.

Nun drehte der Pater sich zu Emilia um.

»Sennorita,« sagte er. »Dieses verborgene Gemach enthält meine Geheimnisse. Niemand hat eine Ahnung davon. Sie sind so wichtig, so werthvoll, daß ich nur Euch einen Blick hineinwerfen lasse, aber nur unter einer Bedingung, von der ich auf keinen Fall abgehen kann.«

»Welches ist diese Bedingung?« fragte sie.

»Ihr müßt mir einen feierlichen Schwur ablegen, daß Ihr niemals davon sprechen wollt. Seid Ihr bereit dazu?«

»Sind diese Geheimnisse wirklich von so einem hohen Werthe?«

»Ja.«

»Nun gut, so will ich den Schwur ablegen,« sagte sie.

»Wißt Ihr aber auch, was Ihr damit thut?«

»Ganz gewiß,« antwortete sie, brennend vor Erwartung, was sie zu sehen bekommen werde.

»Glaubt Ihr an Gott?«

»Das versteht sich!«


// 1997 //

»Das ist das erste und einzige Erforderniß bei Ablegung eines Schwures. Erhebt die drei ersten Finger Eurer rechten Hand und sagt mir nach, was ich Euch vorsprechen werde!«

Er nahm ihr den Schwur ab. Sie leistete ihn keineswegs gern, denn sie wollte ja nur im Interesse von Juarez in die Geheimnisse des Paters eindringen. Doch sagte sie sich, daß ohne Schwur ihr dies unmöglich sein werde.

Als Juarez ihr in Chihuahua ihre Instruction gab, hatte er sie an den Pater Hilarius adressirt. Der Präsident wußte, was nur Wenige ahnten, nämlich daß in der Hand dieses einstigen Mönchs viele feindliche Fäden zusammen liefen, welche kennen zu lernen vom allergrößten Vortheil sein mußte. Darum war Emilia hier, und darum war es ihr so willkommen gewesen, daß die Franzosen, in deren Begleitung sie gereist war, hier genöthigt gewesen waren, einen längeren Halt zu machen.

»So!« meinte der Pater. »Ihr habt geschworen, und nun werde ich Euch zunächst beweisen, daß die Zeit kommen wird, in welcher ich Euch eine solche Stellung bieten kann, wie Ihr sie wünscht.«

Er griff in den Schrank und zog ein Packet Briefe hervor. Er öffnete einen nach dem andern und zeigte ihr die verschiedenen Unterschriften.

»Das ist meine geheime Correspondenz,« meinte er. »Sind Euch die Namen bekannt, welche Ihr hier lest?«

Sie kannte sie alle. Es waren die Namen der hervorragendsten Staatsmänner und Militärs von Mexiko. Auch die Namen hoher französischer Offiziere waren dabei. Dennoch aber antwortete sie:

»Ich habe mich jetzt noch nicht in der Weise mit Politik beschäftigt, wie ich es für später beabsichtige. Darum kenne ich zwar einige dieser Herren; die Meisten aber sind mir unbekannt.«

»Ihr werdet sie kennen lernen, wenn Ihr Euch entschließt, meine Werbung anzunehmen. Mein Wissen und Eure Schönheit können sich ergänzen, so daß ich überzeugt bin, daß wir große Erfolge erringen werden.«

Es kam ihr Alles darauf an, den Inhalt dieser Briefe kennen zu lernen. Sie streckte die Hand aus und fragte:

»Darf ich sie lesen?«

Er machte eine schnelle, abwehrende Handbewegung und antwortete:

»Nein. Das ist unmöglich.«

»Warum? Ich denke, wir wollen Verbündete werden?«

»Allerdings; aber jetzt sind wir es noch nicht.«

Sie that, als ob sie seine Weigerung für sehr selbstverständlich halte und sagte im gleichgiltigsten Tone:

»Ich hoffe, daß wir es bald sein werden.«

Ueber sein Gesicht ging ein freudiges Aufleuchten.

»Wirklich, Sennorita?« fragte er rasch.

»Ja. Ich denke, wer mit solchen Männern verkehrt, der besitzt Einfluß und hat eine hervorragende Zukunft vor sich.«

»Zukunft sagt Ihr? Ich bin ja alt!«

Bei diesen Worten ruhte sein Auge sehr erwartungsvoll auf ihr.


// 1998 //

»Alt? Ich habe Euch bereits gesagt, daß ich das Alter nicht nach den Jahren zähle. Eine glänzende Zukunft von zehn Jahren hat bei mir mehr Anziehungskraft, als ein gewöhnliches Leben von fünffacher Länge.«

»Das ist sehr klug und weise von Euch, Sennorita. Also Ihr seid jetzt überzeugt, daß ich im Stande bin, Euch eine Stellung zu bieten?«

»Ja. Nur fragt es sich, welche Stellung dies sein wird.«

»Ihr meint, welche Charge?«

»Nein, sondern in wessen Dienste.«

Er zuckte die Achsel.

»Ein guter Diplomat fragt nicht nach dem Herrn, welchem er dient, sondern nur nach seinem eigenen Vortheil. Ich widme meine Kräfte demjenigen, welcher sie am besten bezahlt. Nur Juarez mag ich nicht dienen.«

»Warum nicht?«

»Ich hasse ihn, hasse ihn so, wie ich noch keinen Menschen gehaßt habe.«

»So seid Ihr nicht republikanisch gesinnt?«

»Ich bin republikanisch, monarchisch, aristokratisch oder demokratisch gesinnt, je nach dem Vortheile, den es mir bringt. Dieser mein Haß ist ein persönlicher. Er ist nicht gegen die Politik oder das System des Juarez gerichtet, sondern ganz allein gegen seine Person.«

»Was hat er Euch denn gethan?«

»Gethan? Mir? Viel, unendlich viel! Unser Kloster war eines der reichsten und berühmtesten des Landes. Wir dienten zwar Gott, aber wir dachten dabei auch an uns selbst und befanden uns außerordentlich wohl dabei. Ich war Superior, ich war der Oberst dieses frommen Hauses - - und jetzt? Da kam dieser Juarez und sagte, die sogenannte »todte Hand« sei das größte Uebel der Völker, die Klöster seien Hemmnisse der freien Entwickelung des Nationalwohlstandes. Er hob die Klöster auf und wo sie verschont wurden, da nahm er ihnen doch das Vermögen. Auch das unserige wurde säcularisirt; die frommen Väter wurden vertrieben und nur ich allein durfte bleiben, da meine ärztlichen Kenntnisse dem gegenwärtigen Zwecke dieses Hauses zu Gute kommen konnten. Was war ich früher und was bin ich jetzt? Habe ich nicht Grund, diesen Juarez zu hassen? Muß ich nicht jede Gelegenheit ergreifen, mich an ihm zu rächen? Ja, und das thue ich aus allen Kräften. So lange ich lebe und athme, soll es ihm nicht gelingen, sich auf den Stuhl des Präsidenten zu setzen. Dies habe ich geschworen und ich werde es halten.«

Er hatte sich in eine tiefe Erbitterung hinein geredet. Seine Wangen hatten sich zornig gefärbt und seine Augen glüthen vor Grimm. Man sah es diesem Manne an, daß er, um sich zu rächen, zu Allem fähig sei.

»Ich habe nur einmal fast so sehr gehaßt, wie jetzt und das ist lange, lange her,« sagte er.

»Gegen wen war der damalige Haß gerichtet?« fragte sie.

»Ihr werdet den Mann wohl schwerlich kennen,« antwortete er. »Es war ein Graf Rodriganda.«

»Rodriganda? Ah, ich habe diesen Namen doch bereits gehört.«

»Wo?«


// 1999 //

»Darauf kann ich mich wirklich nicht besinnen.«

Sie wollte nicht sagen, daß Sternau in Chihuahua diesen Namen genannt hatte. Der Pater blickte sie forschend an und fragte:

»Was habt Ihr von diesem Rodriganda gehört?«

»Auch das weiß ich nicht mehr. Ich besinne mich blos, seinen Namen gehört zu haben. Mehr weiß ich nicht.«

»Es ist auch gleichgiltig. Dieser Mann ist ja längst schon todt.«

»Was hatte er Euch gethan?«

»Das erzähle ich Euch vielleicht später einmal. Jetzt haben wir keine Zeit dazu.«

Bei diesen Worten legte er die Briefe in das Schränkchen zurück.

»Also ich bekomme sie jetzt nicht zu lesen?« fragte sie.

»Nein. Ihr würdet sie erst als meine Frau lesen dürfen.«

»Oder wenigstens als Eure Braut?«

Sie schlug dabei einen scherzenden Ton an, obgleich es ihr sehr ernst war.

»Nein,« antwortete er. »Eine Verlobung kann leicht wieder aufgelöst werden und solche Dinge traut man nur einer Person an, welche für immer mit Einem verbunden ist. Jetzt werde ich Euch auch den zweiten Beweis liefern.«

»Ah! Welchen?«

»Daß ich reich bin.«

»Ihr macht mich wirklich neugierig, Sennor.«

»Eure Neugierde soll befriedigt werden.«

Er trat zu den Kisten. Diese waren mit sogenannten Vexirschlössern versehen, zu denen man keine Schlüssel gebrauchte. Er öffnete sie und die Sennorita fühlte fast ihre Augen geblendet von dem Reichthume, welcher ihr aus ihnen entgegenstrahlte.

Die Kisten enthielten nämlich die heiligen Gefäße, die kostbaren Meßgewänder des aufgelösten Klosters und anderes Geräthe, Alles mit edlen Steinen besetzt und in reinem Golde gearbeitet.

»Nun?« fragte er im Tone der Ueberlegenheit.

»Welch ein Reichthum!«

»Nicht wahr? Das sind viele Millionen.«

»Das repräsentirt ja geradezu ein fürstliches Vermögen.«

»Mehr als das! Unser Kloster war reicher, war mehr werth, als manches Fürstenthum. Als die weltliche Macht Besitz von ihm ergriff, habe ich diese Schätze gerettet.«

»Wie konnte Euch das gelingen? Man mußte doch wissen, daß alle diese Kostbarkeiten vorhanden seien.«

»Man wußte es allerdings,« sagte er mit einem höhnischen, beinahe diabolischen Lachen; »aber es gab mehrere Mittel, zum Ziele zu kommen.«

»Welche zum Beispiele?«

»Davon später. Jetzt sagt mir einmal, ob Ihr nun glaubt, daß ich reich bin!«

»O, Ihr seid doch nicht der Besitzer dieser Sachen?«


// 2000 //

»Wer denn?«

»Sie gehören Euch doch nicht.«

»Wem sonst?«

»Dem Staate.«

»Dem Staate? Laßt Euch doch um Gotteswillen nicht auslachen! Wem gehört denn der Staat? Dem Juarez, dem Panther des Südens, dem Max von Oesterreich und den Franzosen? Einem von ihnen, Keinem von ihnen, oder ihnen Allen? Was ist überhaupt Staat? Ist Mexiko jetzt Staat? Mexiko ist herrenlos, ist der Anarchie preisgegeben und ein Jeder soll da nehmen, was ihm in die Hände kommt.«

»Ihr predigt ja den reinen Raub und Diebstahl.«

»Unsinn. Ich predige nichts als die reine Klugheit. Diese Sachen können dem Kloster nicht gehören, denn es ist aufgehoben. Sie können dem Staate nicht gehören, denn es giebt keinen consolitirten Staat in Mexiko und selbst wenn es einen gäbe, so würde derselbe nicht das mindeste Recht am Eigenthume der Kirche haben. Ich bin der Einzige, der von dem Kloster übrig geblieben ist und so gehört mir auch Alles, was vom Eigenthum dieses Letzteren vorhanden ist. Gebt Ihr mir recht oder nicht?«

Sie wußte, daß er sich im offenbarsten Unrechte befand, aber sie durfte es mit ihm nicht verderben und zugleich übten diese Reichthümer ihre Wirkung auf sie aus. Welches Weib könnte gleichgiltig bleiben, wenn die Strahlen von tausend Diamanten und Juwelen in ihr Auge fallen.

»Ich will Euch nicht widerstreiten,« sagte sie.

»Ihr betrachtet mich also als Herrn dieser Schätze?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie.

»Nun, so frage ich Euch, ob Ihr die Herrin werden wollt.«

Seine Augen ruhten ebenso lüstern und begierig auf ihren Reizen wie die ihrigen auf den werthvollen Steinen. Sollte sie die Frau dieses Mannes werden? Dieser Gedanke beschäftigte sie. Es wäre ein großes Opfer von ihr gewesen, sich mit ihrer Schönheit, ihrer Sinnesgluth an diesen häßlichen, kraftlosen Greis zu fesseln. Aber dieses Opfer wurde ja überreichlich aufgewogen durch das lockende Besitzthum, welches er ihr anbot.

Aber konnten diese Schätze nicht auch auf andere Weise in ihre Hände gelangen, ohne daß es nothwendig war, sich an diese menschliche Ruine zu ketten? Zehn und noch mehr Möglichkeiten waren vorhanden; diese Angelegenheit mußte reiflich überlegt werden.

»Muß ich mich denn sofort entscheiden?« fragte sie.

»Ich möchte Euch darum bitten!«

»Und ich muß Euch um Bedenkzeit ersuchen!«

»Warum?«

»Der Schritt, welchen Ihr von mir fordert, darf nicht leichtsinnig gethan werden.«

»Ihr mögt nicht ganz unrecht haben; aber die Liebe zaudert nicht.«

»Sobald sie wirklich vorhanden ist, ja.«

»Also bei Euch ist sie nicht vorhanden?«


// 2001 //

»Noch nicht, Sennor. Ihr könnt mir dies nicht übel nehmen. Ich gehöre nicht zu den glühenden Naturen, welche bereits beim ersten Blicke brennen. Desto fester und treuer aber sind meine Gefühle, wenn sie sich entwickelt haben.«

»Gut, ich will Euch nicht drängen; aber eins verlange ich einstweilen.«

»Was?«

»Ich bin so sehr aufrichtig gegen Euch gewesen, daß ich wohl einen kleinen Lohn, so eine Art von Abschlagszahlung erwarten darf.«

»Abschlagszahlung? Ich verstehe Euch nicht. Worin soll sie bestehen?«

»In einem kleinen Kusse.«

Er spitzte bereits den Mund und machte Miene, sie zu umfangen; sie aber trat rasch zurück und streckte die Hände abwehrend vor.

»Nicht so schnell, Sennor!« sagte sie. »Ich werde niemals einen andern küssen, als Den, welchem ich angehören werde.«

»Aber ich hoffe doch, daß ich dies sein werde!«

»Möglich! Sicher aber ist dies noch keineswegs.«

»So bedenkt doch, daß ein Kuß keine Sünde ist.«

»Eine Sünde nicht, aber eine Kinderei. Nur zwischen Leuten, in denen die Liebe mächtig ist, hat er einen Zweck.«

»Ihr verweigert mir ihn also?«

»Ja.«

Sie wußte genau, daß sie durch diese Weigerung seine Begierde noch mehr entflammen und dadurch an Macht über ihn gewinnen werde.

Da zog er ein Messer hervor und ergriff eines der reichen Meßgewänder.

»Seht diesen Diamanten,« sagte er. »Er ist zweitausend Dollars werth. Ich schneide ihn sofort ab und schenke ihn Euch, nur für einen einzigen Kuß!«

»Ich verkaufe meine Küsse nicht,« antwortete sie kalt.

»Und dennoch muß ich ihn haben!«

Bei diesen Worten sprang er, ehe sie es vermuthete, auf sie zu. Er umarmte sie, drückte sie an sich und versuchte, mit seinem Munde ihre Lippen zu fangen. Lange wollte es ihm nicht gelingen, endlich aber doch. Es ließ sich schwer sagen, ob er durch seine körperliche Ueberlegenheit siegte, oder ob sie aus berechnender Schlauheit ihm seinen Wunsch erfüllte. Jedenfalls aber war dieser erzwungene Kuß ein so kurzer und unvollständiger, daß er das Verlangen des Paters nur noch mehr steigerte. Der alte Mann drückte das schöne Mädchen mit aller Gewalt an sich und rief:

»Bei Gott, dieser Kuß soll nicht der einzige gewesen sein!«

»Und doch!« antwortete sie.

Er wußte nicht, wie es kam, aber während dieser Worte schleuderte sie ihn mit einer so kraftvollen Bewegung von sich, als ob sie die Stärke eines rüstigen und geübten Mannes besitze. Er taumelte und stürzte zu Boden, raffte sich jedoch sofort wieder empor.

»Sennorita, Ihr seid ein Engel, aber auch zugleich ein Ungeheuer!« sagte er. »Gott hat Euch geschaffen, um glücklich zu machen; Ihr aber mit Eurer kalten, erbarmungslosen Seele seid wirklich im Stande, Einen zur Verzweiflung zu treiben!«


// 2002 //

»Wirklich? Bin ich so kalt?« fragte sie lächelnd.

»Ja, wie Eis!«

Sie dachte an den schwarzen Gérard, dem sie so gern die höchsten Zärtlichkeiten gewidmet hätte, und an den kleinen André, diesen wenn auch nicht mehr jungen und auch nicht schönen aber doch so braven Jäger, welchen sie freiwillig geküßt hatte, weil er ihr durch seine Aufopferungsfreudigkeit eine so rege Theilnahme eingeflößt hatte.

»Versucht einmal, dieses Eis zu schmelzen!« sagte sie.

Dabei lag ein Lächeln um ihre Lippen, so stolz und doch auch wieder so verführerisch, daß er hätte den Verstand verlieren mögen.

»Ich habe es ja soeben versucht!« sagte er.

»Aber nicht in der richtigen Weise, Sennor. Mit Gewalt läßt sich keine Liebe erwecken. Merkt Euch das!«

»Soll ich Euch, der ich keinen Tag meines Lebens zu verschenken habe, etwa vierzehn Jahre dienen, wie Jacob um Rahel geworben hat?«

»O nein,« lachte sie. »Eine vierzehnjährige Werbung würde auch mir langweilig werden. Habt Ihr mir hier noch etwas zu zeigen?«

»Nein. Ihr habt bereits Alles gesehen.«

»So wollen wir zurückkehren.«

»Und wann werde ich erfahren, ob Ihr die Meine werden wollt oder nicht?«

»Ich werde Euch die Antwort in drei Tagen geben.«

»Angenommen! Ich hoffe, daß Ihr nicht nein sagen werdet. Kommt also jetzt. Wir wollen gehen.«

Sie kehrten auf demselben Wege zurück, den sie gekommen waren, wobei der Pater natürlich Alles wieder verschloß. Auch hierbei entwickelte Emilia die größte Aufmerksamkeit, so daß sie Alles bemerkte, was sie bemerken wollte. Sie ging nicht wieder mit ihm nach seiner Wohnung, sondern begab sich nach derjenigen, welche ihr angewiesen worden war.

Als Pater Hilario sich allein befand, schritt er in seinem Zimmer unruhig auf und nieder. Er befand sich in der größten Aufregung.

»Vielleicht habe ich heut die größte Dummheit meines Lebens begangen,« sagte er zu sich selbst. »Ich habe meine Geheimnisse verrathen. Wird es mir bei ihr Nutzen bringen? Und wenn sie mir einen Korb giebt, wird sie verschweigen können, was sie gesehen und erfahren hat? Ich bin in dieses wunderbar schöne Mädchen in einer Weise verliebt, als ob ich erst achtzehn Jahre zählte; aber ich bin auch überzeugt, wird sie meine Frau, so werde ich der Beherrscher aller ihrer Anbeter sein, und wer weiß, was für Erfolge ich dann verzeichnen kann. Wären doch diese drei Tage bereits vorüber!«

Da klopfte es von draußen leise an das Fenster. Er horchte auf, und als das Klopfen sich wiederholte, öffnete er und blickte hinaus. Er bemerkte die Gestalt eines Mannes, welcher draußen stand.

»Wer ist da?« fragte er mit halb unterdrückter Stimme.

»Ich, Oheim,« antwortete es.

»Ah! Manfredo, bist Du es?«

»Ja. Mache mir auf!«


// 2003 //

»Sogleich!«

Er ging und öffnete, nicht den Haupteingang, sondern ein Nebenpförtchen des Klosters. Manfredo stand vor demselben. Er schien auf demselben Wege bereits öfters zu seinem Oheim gekommen zu sein.

»Dich hätte ich heut nicht vermuthet,« flüsterte dieser. »Bringst Du Nachricht?«

»Ja. Sehr wichtige.«

»So komm mit nach meiner Stube.«

Dort angekommen, betrachtete der Onkel seinen Neffen erwartungsvoll. Der Letztere war natürlich derselbe Manfredo, welcher mit Cortejo am Krokodilteiche gewesen war und ihm den Rath gegeben hatte, mit ihm nach dem Kloster della Barbara zu gehen.

»Wo kommst Du her?« fragte der Pater.

»Von der Hazienda del Erina.«

»Von dort her? Diese liegt ja in ganz entgegengesetzter Richtung. Ich schickte Dich ja nach Mexiko, um einen der Werber Cortejo's zu finden!«

»Ich bin auch dort gewesen, Oheim.«

»Wie kommst Du da nach del Erina?«

»Es gelang mir, einen dieser Werber zu treffen. Ich erfuhr von ihm, daß Cortejo sich auf der Hazienda del Erina befinde. Ich wurde mit noch Anderen angeworben und nach der Hazienda transportirt.«

»Gehörte diese Besitzung nicht auch dem Grafen Rodriganda?«

»Ja. Er hat sie aber an Sennor Arbellez vermacht oder verschenkt.«

»Dann ist es zu verwundern, daß Cortejo zu Arbellez geht. Wie wurde er von diesem empfangen?«

»Darüber kann ich nur sagen, was ich gehört habe, denn ich war nicht dabei, da ich erst später kam. Cortejo hat nämlich die Hazienda ausplündern lassen und für sich in Besitz genommen. Arbellez wurde gefangen gesetzt.«

»Wo?«

»In einem Keller der Hazienda.«

»Das ist eine sehr wichtige Nachricht für mich. Du kennst zwar mein Verhältniß zu dem Grafen Rodriganda nicht und ebenso wenig meine Absichten auf diesen Cortejo; aber ich kann Dir nur so viel wiederholen, daß ich gesonnen bin, mich dem Letzteren freundlich zu erzeigen.«

»Ich habe in diesem Sinne gehandelt, Oheim.«

»Ist es Dir vielleicht gelungen, ihm einen Dienst zu erweisen?«

»Ja. Dieses Dienstes wegen komme ich zu Dir. Du sollst Dich an demselben betheiligen, wenn das nämlich in Deine Pläne paßt.«

»Es paßt ganz gewiß. Aber welchen Dienst meinst Du?«

»Du sollst Cortejo bei Dir aufnehmen.«

»Alle Teufel, was will er bei mir?«

»Er kommt als Flüchtling.«

Der Pater machte ein höchst erstauntes Gesicht.

»Als Flüchtling, sagst Du? So hätte er Unglück gehabt?«

»Ja. Er hat eine Expedition nach dem Rio grande del Norte unternommen,


// 2004 //

dabei aber einen großen Mißerfolg erfahren. Er hat sogar das eine Auge verloren, ich glaube, im Kampfe mit den Indianern.«

»Welchen Zweck hatte diese Expedition?«

»Ich weiß es nicht genau, doch sprach man von der Aufhebung einer Sendung von Geld und Kriegsvorräthen, welche für Juarez bestimmt war.«

»Und diese Aufhebung ist nicht gelungen?«

»Wie es scheint, nein.«

»So hat Juarez diese Vorräthe und Gelder erhalten?«

»Wahrscheinlich.«

»Hole ihn der Teufel! Cortejo ist ein Dummkopf. Jetzt wird Juarez wieder neu Athem schöpfen können. Aber wie kommt es, daß Du Cortejo einen Flüchtling nennst? Er konnte doch nach der Hazienda gehen.«

»Das wollte er auch, doch kam er zu spät. Sie war von den Miztecas genommen worden.«

»Von den Miztecas? Wetter noch einmal! Haben sich denn diese erhoben?«

»Ja. Ich war dabei, als sie die Hazienda überfielen. Sie waren wohl über tausend Mann stark, und es sind von uns nur Wenige davongekommen.«

»Wer führte die Rothen an?«

»Büffelstirn.«

»Unsinn! Der ist ja todt!«

»Man dachte so, aber er ist wieder aufgetaucht.«

»Wenn dies wirklich wahr ist, so blüht das Glück dieses Juarez von Neuem, denn Büffelstirn wird zu ihm halten. Man darf dies gar nicht so weit kommen lassen; aber was ist zu thun, und wie soll man es anfangen?«

»Das wirst Du vielleicht wissen, sobald Du Alles erfährst, was geschehen ist. Ich kann Dir jetzt nicht Alles ausführlich erzählen, da meine Begleiter auf mich warten, aber ich will Dir nur so viel sagen, daß wir Grausiges erlebt haben und jedenfalls verfolgt werden.«

»Von wem?«

»Von Büffelstirn und Bärenherz, vielleicht auch von noch Anderen.«

»Auch Bärenherz, von welchem man früher so viel sprach, soll ja todt sein.«

»Er lebt ebenso wie Büffelstirn. Diese Beiden hatten, nachdem die Hazienda von ihnen überfallen worden war, die Tochter Cortejo's nach dem Berge el Reparo gebracht, um sie von den Krokodilen verschlingen zu lassen; wir aber haben sie gerettet.«

»So ist sie jetzt auch mit bei Euch?«

»Ja. Cortejo, Sennorita Josefa, seine Tochter, und noch sechs Mexikaner. Es waren noch Einige mehr bei uns, aber sie haben uns unterwegs verlassen.«

»Wo ist Cortejo?«

»Draußen in der Nähe des Klosters. Ich bin natürlich vorausgegangen, um zu erfahren, ob Du überhaupt geneigt bist, ihn bei Dir aufzunehmen. Doch habe ich ihm allerdings bereits versprochen, daß er Dir willkommen sein werde.«

Der Pater schritt einige Male nachdenklich hin und her. Dann sagte er:

»Welch ein Zufall. Natürlich nehme ich Cortejo bei mir auf. Ich bin neugierig, ob er mich erkennen wird.«


// 2005 //

»Wie? Ihr habt Euch früher bereits gekannt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Wir sahen uns in Mexiko und auch noch anderwärts.«

»Freundlich oder feindlich?«

»Feindlich, doch kann dies auf mein jetziges Verhalten keinen Einfluß haben. Gehe, und hole ihn! Hier ist der Schlüssel. Doch laß ihn nicht vorher wissen, daß ich ihn kenne.«

»Soll ich die Andern mitbringen?«

»Nein, noch nicht.«

»Auch seine Tochter nicht?«

»Nein. Die Anwesenheit so vieler könnte uns verrathen. Ich nehme natürlich an, daß sein Aufenthalt bei mir geheim bleiben soll. Uebrigens weiß ich ja noch gar nicht, wo und wie ich seine Leute unterbringen werde. Das wird sich erst finden, nachdem ich mit ihm gesprochen haben werde.«

Der Neffe ging und brachte nach Kurzem Cortejo herein, erhielt aber dabei von seinem Oheim einen Wink, sich einstweilen zu entfernen.

Cortejo blieb an der Thür stehen, grüßte und betrachtete den Pater mit eigenthümlichen scharfen Blicken. Dieser seinerseits fixirte ihn ebenso und fragte dabei:

»Euer Name ist Cortejo, Sennor?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»Ihr seid derjenige Cortejo, welcher im Dienste des Grafen Ferdinando de Rodriganda stand?«

»Derselbe.«

»Seid mir willkommen, und setzt Euch nieder!«

Er deutete auf einen Stuhl, auf welchem Cortejo sich niederließ. Er selbst aber zog vor, stehen zu bleiben, und fuhr, noch immer kein Auge von dem Andern verwendend, fort:

»Mein Neffe sagt mir, daß Ihr einige Zeit ein Asyl sucht. Die heilige Religion gebietet, dem Notkleidenden die Hand zu reichen, und darum bin ich bereit, Euch eine Zufluchtsstätte zu gewähren.«

»Ich danke Euch, frommer Pater! Aber wird diese Zufluchtsstätte auch so beschaffen sein, daß meine Anwesenheit nicht verrathen wird?«

»Habt Ihr den Verrath zu fürchten?«

Diese Worte wurden zwar in einem sehr unverfänglichen Tone gesprochen, doch lag dabei auf dem Gesichte des Paters ein Etwas, welches man leicht für den Ausdruck einer versteckten Schadenfreude halten konnte.

»Leider, ja,« antwortete Cortejo. »Sind Euch meine Verhältnisse bekannt?«

»Nur so weit, daß ich weiß, daß Ihr als Kandidat des Präsidentenstuhles aufgetreten seid.«

»Nun ich bin aus diesem Grunde des Landes verwiesen worden.«

»Von den Franzosen etwa?«

»Eigentlich von dem sogenannten Kaiser Maximilian; doch kann dieser ohne Erlaubniß der Franzosen nicht das Mindeste thun. Ich bin nach dem Norden des


// 2006 //

Landes gegangen, um da für meine Kandidatur zu wirken, wurde aber auf der Hazienda del Erina überfallen. Man tödtete meine Leute, und ich bin überzeugt, daß meine Verfolger mir auf den Fersen sind.«

»Sie werden Euch nicht erreichen. Ihr seid bei mir in vollständiger Sicherheit.«

»So habt Ihr ein gutes Versteck?«

»Verstecke, so viele Ihr braucht. Dieses Kloster hat so viele verborgene Höhlen, Gänge und Gemächer, daß ich recht gut tausend Mann verstecken könnte.«

»Das ist mir unendlich lieb, zumal ich erfahren habe, daß sich Franzosen hier befinden.«

»Ihr habt nichts zu befürchten. Sie sind von Juarez entwaffnet worden und werden froh sein, wenn man sie unbestraft entkommen läßt. Und was die Belohnung betrifft, von welcher Ihr redet - ah, sagt einmal, worin diese bestehen soll?«

Sein Gesicht hatte bei diesen Worten einen lauernden Ausdruck angenommen.

»Ich bin reich!« antwortete Cortejo.

»Worin besteht Euer Reichthum?«

Diese Frage wurde Cortejo doch unbequem. Er antwortete:

»Habt Ihr ein besonderes Interesse, dies zu erfahren?«

»Ja,« meinte der Pater ruhig. »Ich könnte sagen, daß Ihr von Belohnung redet und ich Euch gegen Eure Verfolger schütze, hätte ich das Recht, mich zu überzeugen, ob Ihr auch wirklich im Stande seid, mir eine solche Wohlthat zu vergelten. Aber ich bemerke Euch, daß ich von jeder Belohnung absehe. Meine Frage hatte nur den Zweck, Eure gegenwärtigen Verhältnisse zu erfahren, um zu wissen, in welcher Weise ich Euch nützlich werden kann.«

»Ich danke Euch. Wie kommt es, daß Ihr ein solches Interesse an mir nehmt?«

»Ihr werdet dies wohl bald erfahren. Also sagt mir gefälligst, worin Euer Reichthum besteht!«

»Ich bin Verwalter der Besitzungen des Grafen Rodriganda.«

Um die Lippen des Paters legte sich ein unbeschreibliches Lächeln.

»Das heißt mit anderen Worten, Ihr beutet diese Besitzungen für Eure Zwecke aus?«

Man konnte sehen, daß Cortejo verlegen wurde.

»Das habe ich allerdings nicht sagen wollen,« meinte er.

»Was oder wie viel Ihr sagen wolltet, das ist mir gleichgiltig. Ich halte mich an die Thatsachen. Uebrigens ist es ja mit Eurer Verwaltung aus, da Ihr des Landes verwiesen seid. Ihr könntet mich also schwerlich belohnen.«

»Ich habe Geld, Sennor!« meinte Cortejo, dem es bange wurde.

Es kam ihm der Gedanke, daß der Pater ihn nicht bei sich behalten werde.

»Wo?« fragte dieser mit unerbittlicher Rücksichtslosigkeit.

»Es ist sicher versteckt. Ich mußte mich auf alle Fälle gefaßt machen, also auch auf den, unter welchem ich mich gegenwärtig befinde.«

»Damit wollt Ihr sagen, daß Ihr dieses Geld aus dem Vermögen der Rodriganda auf die Seite gebracht habt?«

»Sennor! Wo denkt Ihr hin!«


// 2007 //

»Schon gut! Ich verstehe Euch, ohne daß Ihr mir Eure Angelegenheiten zu enthüllen braucht. Uebrigens habt Ihr von mir nichts zu befürchten. Es würde mir nicht einfallen, es zu mißbilligen, wenn Ihr diese Rodriganda's um ihr ganzes Vermögen gebracht hättet.«

Diese Worte wurden mit einer Erbitterung gesprochen, welche Cortejo aufmerksam werden ließ.

»Warum?« fragte er. »Kennt Ihr die Rodriganda's?«

»Mehr, als mir lieb ist!«

»Ah! Ihr seid ihnen feindlich gesinnt?«

»So feindlich, daß ich diesen Ferdinando de Rodriganda erwürgen würde, wenn er noch lebte und sich hier bei mir befände.«

Diese Worte erregten das höchste Interesse Cortejos.

»Ihr sprecht das mit einem wahren Grimme aus,« sagte er. »Was hat Euch Don Ferdinando denn gethan?«

»Warum fragt Ihr? Ihr wißt es doch genau!«

»Ich? Wieso?«

»Kennt Ihr mich denn wirklich nicht mehr?«

»Es ist mir allerdings, als ob ich Euch bereits gesehen hätte. Ich habe schon darüber nachgedacht, kann aber nicht finden, wann und wo es gewesen ist.«

»Nun, so will ich Eurer Erinnerung zu Hilfe kommen. Euch habe ich sofort erkannt, obgleich Euch ein Auge fehlt und viele Jahre vergangen sind, seit wir uns zum letzten Male trafen. Ich wurde damals von Euch zur Thüre hinausgeworfen, Sennor.«

Cortejo erbleichte. Sollte das wahr sein? In diesem Falle hatte er wohl auf keinen Schutz, sondern nur auf Rache von Seiten dieses Mannes zu rechnen.

»Zur Thür hinausgeworfen?« fragte er. »Ihr beliebt wohl, zu scherzen?«

»Nein, ich spreche im Ernste. Ich war damals ein junger Arzt.«

Cortejo schüttelte den Kopf.

»Ich kann mich nicht besinnen,« sagte er. »Ihr müßt Euch irren.«

»O nein, ich irre mich nicht. Ich brauche Euch blos meinen Namen zu nennen.«

»Thut es, ich bitte Euch darum!«

»Jetzt nennt man mich Pater Hilario, damals aber hieß ich Ignaz Mandrillo.«

»Ignaz Mandrillo!« rief Cortejo und sprang vom Stuhle auf. »Ist das möglich, Sennor?«

Auf seinem Gesichte war der bleiche Schreck zu erkennen. Der Pater beobachtete mit einer Art grimmigen Vergnügens den Eindruck, welchen die Nennung seines Namens hervorgebracht hatte.

»Nicht wahr, nun kennt Ihr mich?« fragte er.

Cortejo hielt die Augen immer noch weit geöffnet auf ihn gerichtet.

»Ja,« sagte er, »Ihr seid es. Jetzt wundere ich mich, daß ich Euch nicht sogleich erkannt habe. Sennor, ich hoffe doch nicht, daß Ihr der alten Zeiten gedenkt.«

»Warum sollte ich derselben nicht gedenken?« fragte der Pater, dessen Gesicht einen kalten, finsteren Ausdruck angenommen hatte. »Diese Zeiten haben ja meinem Leben eine Richtung gegeben, welche ich für unmöglich gehalten hätte.


// 2008 //

Ich habe damals gelitten, was ich kaum zu überleben hoffte; das vergißt man nicht, Sennor, sondern daran denkt man noch in der Todesstunde.«

»Ich bedaure das und hoffe, daß Ihr nicht mir die Schuld gebt. Ich handelte damals auf den Befehl des Grafen, dessen Diener ich war.«

Die Lippen des Paters preßten sich zusammen. Er hielt es für unklug, seine eigentliche Ansicht zu sagen, darum antwortete er:

»Ich bin jetzt überzeugt davon, obgleich damals mein Grimm mehr gegen Euch, als gegen den Grafen gerichtet war.«

»Laßt das nun ruhen! Ihr habt Euch ja gerächt!«

»Woher wollt Ihr das wissen?«

»Ich weiß es zwar nicht, aber ich kann es mir denken, daß Ihr derjenige gewesen seid, welcher später - -«

»Halt!« fiel ihm der Pater in die Rede. »Ich mag nichts weiter hören. Aber ich will Euch aufrichtig sagen, daß ich mich entsetzlich geärgert habe, als ich erfuhr, daß Graf Ferdinando gestorben sei. Mein einsames Klosterleben ist innerlich nicht so still und ruhig verlaufen wie äußerlich. Es wogte ein Meer der Rache in mir, dessen Brandung mir Tag und Nacht gegen die Brust stürmte. Ich erbaute mir einen Plan, und ich hätte ihn ausgeführt, wenn der Graf nicht so plötzlich gestorben wäre.«

»Darf ich fragen, welcher Plan es war?«

»Fragt nicht! Es ist ja doch zu spät zur Rache!«

Er schritt im Zimmer auf und ab. Man sah es ihm an, daß jenes Meer der Rache noch heut in ihm die Wogen trieb. Cortejo beobachtete ihn. Sein eines Auge begann zu funkeln. Es tauchte ein Gedanke in ihm auf, der ihm ungeheure Vortheile zu bieten schien, Vortheile für jetzt und später.

»Wenn es nun doch noch nicht zu spät wäre?« fragte er daher langsam und mit hörbarem Nachdruck.

Da blieb der Pater vor ihm stehen und fragte:

»Nicht zu spät? Der Graf ist ja todt!«

»Woher wißt Ihr das?«

»Ich hörte es, und ich las es auch. Er ist ja begraben worden.«

»Wenn ich Euch nun sagte, daß er noch lebt, Sennor Mandrillo?«

»Pah! Ich würde es nicht glauben.«

»Und doch wäre es die Wahrheit.«

Der Pater schüttelte den Kopf und fragte:

»Wollt Ihr vielleicht jetzt ebenso Komödie spielen, wie damals, Sennor? Es würde Euch wohl schwerlich gelingen!«

»Davon kann keine Rede sein. Sagt mir doch einmal, welchen Nutzen ich hätte, wenn ich Euch ein Märchen aufbinden wollte.«

»Allerdings gar keinen. Aber Niemand wird mir glauben machen, daß Graf Ferdinando de Rodriganda noch am Leben sei.«

»Er lebt dennoch. Er war nur scheintodt.«

»Scheintodt? Ah, das würde ich ihm gönnen, von ganzem Herzen gönnen. Welche Qualen muß ein Scheintodter ausstehen, ehe er im Grabe elendiglich zu


// 2009 //

Grunde geht! Aber wie wollte man es erfahren haben, daß er wirklich nicht richtig todt, sondern nur scheintodt gewesen ist?«

»Man hat ihm ein Mittel gegeben, welches den Starrkrampf erzeugt.«

»Donnerwetter!« fluchte der Pater trotz seines früheren, frommen Standes. »Das wäre ja ein Verbrechen gewesen!«

»Es werden der Verbrechen viele begangen, ohne Strafe zu finden!«

»Das ist wahr. Aber welche Absicht könnte man gehabt haben, bei dem Grafen den Scheintod hervorzubringen?«

»Nehmt einmal an, es sei aus Rache geschehen!«

»Das wäre allerdings ein sehr stichhaltiger Grund. Aber der Graf wurde begraben; er muß nachträglich in der Gruft gestorben sein.«

»Nein, denn man hat ihn heimlich aus dem Sarge genommen.«

Die Augen des Paters richteten sich förmlich durchbohrend auf Cortejo.

»Sennor,« sagte er. »Wollt Ihr einen Roman zusammenbrauen?«

»Das fällt mir ganz und gar nicht ein. Ich offenbare Euch hiermit allerdings ein tiefes und schwer wiegendes Geheimniß; aber ich würde das nicht thun, wenn ich keine Absicht dabei hätte.«

»Welches ist diese Absicht?«

»Euch Gelegenheit zur Rache zu bieten.«

Der Pater stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus.

»Das macht Ihr mir nicht weiß, Sennor,« sagte er. »Wie ich Euch, leider zu meinem Schaden, kennen gelernt habe, thut Ihr nichts, ohne Euren eigenen Vortheil im Auge zu haben.«

»Ich will auch das zugeben, Sennor Mandrillo, denn indem Ihr Euch rächt, befriedige ich mein eigenes Verlangen nach Vergeltung.«

»Ah! Hattet auch Ihr eine Rechnung mit dem Grafen auszugleichen?«

»Ja, eine sehr große.«

»So seid Ihr es gewesen, welcher ihm das den Starrkrampf erzeugende Mittel beigebracht hat?«

»Ich sage weder ja noch nein. Ihr werdet begreifen, daß man in solchen Dingen nicht vorsichtig genug sein kann.«

»In dieser Angelegenheit könnt Ihr gegen mich die vollste Aufrichtigkeit walten lassen. Ihr wißt ja, wie ich zu dem Namen Rodriganda stehe.«

»Was hilft mir meine Aufrichtigkeit, wenn Ihr meinen Worten nicht glaubt.«

»Ah! Ihr haltet also wirklich die Behauptung aufrecht, daß der Graf noch lebt?«

»Ja, vollständig.«

»Sennor, wenn Ihr die Wahrheit sagtet.«

»Ich sage sie.«

»Ihr würdet mir damit ein Geschenk machen, welches ich Euch niemals vergelten könnte. Rache üben zu können, ist Seligkeit.«

»Welchen Racheplan hattet Ihr Euch damals gemacht?«

»Das werde ich Euch so lange verschweigen, bis ich von Euch Alles weiß.«

Cortejo blickte still und ungewiß vor sich nieder. Dann erhob er mit einer raschen Bewegung den Kopf und sagte:


// 2010 //

»Nun gut, ich will mich entschließen, Euch einzuweihen, da wir einander von großem Nutzen sein können. Aber kann ich mich auf Eure Verschwiegenheit auf alle Fälle und in jeder Beziehung verlassen?«

»Ich beschwöre es bei Gott und allen Heiligen, daß ich über das, was ich von Euch erfahre, vollständig stumm sein werde!«

Der Pater hatte dabei die Hand wie zum Schwure erhoben. Cortejo antwortete:

»Ich will Euch glauben und vertrauen. So erfahrt denn also, daß ich es gewesen bin, der Don Ferdinando das Mittel gegeben hat.«

»Also doch, wie ich vermuthete. Es weiß doch kein Zweiter davon?«

»Nur meine Tochter. Ich war gezwungen, sie einzuweihen.«

»Seid Ihr ihrer Verschwiegenheit sicher?«

»Ja.«

»Also wurde der Graf wirklich nur scheintodt begraben?«

»Er war noch nicht wieder erwacht, als ich ihn aus dem Sarge nahm.«

»Ihr selbst habt ihn herausgenommen?«

»Ja.«

»Und nicht getödtet?«

»Nein.«

»Welch ein Fehler!« rief der Pater streng. »Uebrigens weiß ich wirklich noch nicht, ob ich Euch das Alles glauben soll.«

»Ihr werdet es glauben, wenn Ihr das Weitere erfahren habt.«

»Aber warum ließt Ihr ihn wieder aufleben?«

»Um meine Rache vollständig zu befriedigen. Der Graf sollte langsamer zu Grunde gehen, als durch das einfache Lebendigbegraben.«

Die Augen des Paters funkelten vor Vergnügen.

»Das war allerdings ein göttlicher Gedanke. Was habt Ihr mit ihm gethan?«

»Ich habe ihn in die Sclaverei geschickt.«

»Alle Teufel! Ich beginne, Euch hochzuachten! Dort lebt er noch?«

»Ich glaubte es, daß er noch dort lebe, oder doch dort gestorben sei. Aber er ist gerettet worden und nach Mexiko zurückgekehrt.«

»Ah! Wirklich?«

»Ja.«

»Habt Ihr ihn gesehen?«

»Noch nicht, aber dennoch weiß ich es ganz genau. Er befindet sich da oben im Norden in einem Fort, welches Guadeloupe heißt.«

»Warum dort? Warum kommt er nicht, um Euch anzuklagen?«

»Er ist krank.«

»Donnerwetter! Er wird doch nicht etwa sterben?«

»Mir wäre das außerordentlich lieb.«

»Ich glaube das. Aber mir nicht. Was Ihr mir da erzähltet, hat in mir die Hoffnung erweckt, daß es mir doch noch gelingen werde, meine Rache an den Mann zu bringen. Ich wollte, ich hätte diesen Grafen hier.«

»Was würdet Ihr mit ihm thun?«


// 2011 //

»Was ich ursprünglich beschlossen hatte. Jetzt kann ich Euch dies mittheilen. Ich wollte ihn nämlich in eines der unterirdischen Gefängnisse des Klosters stecken, um mich an seinem langsamen Tode weiden zu können.«

Da flog ein freudiges Leuchten über Cortejo's Gesicht. Er glaubte jetzt, gewonnen zu haben und fragte:

»Wie aber hättet Ihr ihn in Eure Hand bekommen?«

»Auf irgend eine Weise. Das wäre mir übrigens das Wenigste. Wißt Ihr vielleicht, an welcher Krankheit er jetzt daniederliegt?«

»An einer Verletzung durch einen Hieb, den er erhalten hat.«

»Das ist nicht lebensgefährlich. Ist er geheilt, so wird er jedenfalls von dem Fort aufbrechen, um sein Besitzthum anzutreten und Euch bestrafen zu lassen. Ich gäbe viel darum, wenn er auf dem Wege nach Mexiko hier durch Santa Jaga käme.«

»Soll ich ihn dazu veranlassen?«

»Brächtet Ihr das fertig?«

»Jedenfalls; doch hoffe ich, daß Ihr auch mir dafür einen Gefallen erzeigt.«

»Welchen, Sennor Cortejo?«

»Daß Ihr seine Begleiter und Freunde mit einsperrt.«

»Hm! Das kann leicht sein, aber auch schwer; es kann überflüssig oder auch nothwendig, gefährlich oder auch von Nutzen sein. Man muß das abwarten.«

»Ja, Ihr könntet das abwarten, aber nicht ich. Ich muß bereits jetzt wissen, was Ihr zu thun beschließen werdet.«

»Warum? Nehmt Ihr an den Begleitern des Grafen ein gar so großes Interesse?«

»Natürlich. Sie werden jedenfalls von ihm Alles erfahren haben. Ihn allein einsperren, kann mir also von keinem Nutzen sein.«

»Das ist sehr richtig. Mir aber haben diese Leute nichts gethan.«

»Jetzt noch nicht; aber sie können Euch sehr gefährlich werden.«

»In wiefern?«

»Dadurch, daß sie entdecken und verrathen, wo der Graf sich befindet.«

»Alle Teufel! Daran dachte ich nicht! Aber man kann ja vorsichtig sein, so daß sie gar nichts bemerken.«

»Ich kann Euch den Grafen nur unter der Bedingung liefern, daß Ihr auch seine Begleiter unschädlich macht.«

»So giebt es in Eurer Vergangenheit noch einen Punkt, den Ihr mir verschwiegen habt. Und dieser Punkt bezieht sich auf diese Begleiter.«

»Ihr rathet richtig. Nur ist es gefährlich, über diesen Punkt zu sprechen.«

»Wenn Ihr mein Schützling und Verbündeter sein wollt, so verlange ich unbedingt, Alles zu erfahren, was sich auf den Grafen bezieht.«

Cortejo schwieg eine ganze Weile, dann sagte er, aber sichtlich zögernd:

»Ich sehe ein, daß ich Euch Alles sagen muß. Aber Ihr dürft überzeugt sein, daß ich Euch tödten werde, wenn Ihr ein einziges Wort davon weiter redet!«

»Mich tödten? Pah! Ihr befindet Euch ja in meiner Hand und nicht ich in der Eurigen. Ich brauchte also keine Angst vor Euch zu haben, wenn ich ja die Absicht hätte, Euch zu verrathen.«


// 2011 //

»Da irrt Ihr Euch sehr! Es giebt noch Mitwisser meines Geheimnisses. Ich werde sie benachrichtigen, daß ich es auch Euch mitgetheilt habe, und sie würden die Strafe übernehmen, falls Ihr mich verriethet.«

»Wer sind diese Mitwisser?«

»Vor allen Dingen mein Bruder.«

»Ah! Ihr habt noch einen Bruder? Wo?«

»Drüben in Spanien. Er ist Verwalter des Grafen Alfonzo de Rodriganda.«

»Das wußte ich allerdings noch nicht. Dieser Graf Alfonzo wird sich außerordentlich freuen, wenn er hört, daß sein Oheim noch lebt.«

Cortejo stieß ein höhnisches Lachen aus und antwortete:

»Er wird ihn im Gegentheil zu allen Teufeln wünschen.«

»Seinen Verwandten?« fragte der Pater erstaunt.

»O, Graf Alfonzo ist ja auch Mitwisser meines Geheimnisses!«

»Was! Wirklich? Er weiß, daß der Graf scheintodt gewesen ist?«

»Ja.«

»Und in die Sclaverei geschafft wurde?«

»Ja. Er ist übrigens gar nicht mit ihm verwandt.«

»Er ist ja sein Neffe!«

»Nein, und dies ist ja eben mein Geheimniß, für dessen Ausplauderei ich Euch mit dem Tode drohte. Graf Alfonzo ist nämlich der untergeschobene Sohn des Grafen Emanuel de Rodriganda, nicht der ächte.«

Der Pater trat vor Erstaunen gleich mehrere Schritte zurück.

»Das soll ich glauben?« fragte er.

»Würde ich eine für mich so gefährliche Mittheilung machen, wenn sie nicht die volle Wahrheit enthielte?«

»Ich wußte allerdings nicht, was Euch bewegen könnte, mir eine solche Fabel zu erzählen. Aber wenn Eure Worte Wahrheit enthalten, wessen Sohn ist dann eigentlich dieser Don Alfonzo?«

»Der Sohn meines Bruders.«

»Also Euer Neffe? Ah, nun wird mir die Sache plausibel. Nun weiß ich auch, wie Ihr von Euren Reichthümern reden könnt. Denn wenn der Graf von Rodriganda ein Neffe von Euch ist, so könnt Ihr schließlich mit seinem Vermögen machen, was Euch beliebt.«

»Ihr seht also wohl ein, daß ich im Stande bin, Euch zu belohnen!«

»Ja. Doch brauche ich Euern Lohn gar nicht. Ich besitze, was mir von Nöthen ist, und wohl auch noch etwas mehr. Was aber ist mit dem ächten Sohne des Grafen Emanuel geworden? Ist er gestorben?«

»Leider nicht. Er lebt und befindet sich in Begleitung des Grafen Ferdinando.«

»Alle Teufel. Wissen diese Beiden, daß sie verwandt sind?«

»Nein. Sie können es aber sehr leicht entdecken, wenn der Zufall es will.«

»So werde ich dafür sorgen, daß der Zufall es nicht will. Ich sage Euch, daß diese Mittheilung mir vom allergrößten Interesse ist. Die Verhältnisse, von denen Ihr redet, geben meiner Rache noch ganz andere Wendungen.«

»Es ist mir lieb, dies zu hören. Uebrigens muß ich Euch sagen, daß sämmtliche Begleiter des Grafen treue Anhänger des Juarez sind.«


// 2013 //

»Ah! Wirklich?«

»Ja. Sie haben bereits für ihn gekämpft.«

»So wird es mir eine Lust sein, sie unschädlich zu machen. Wer ist es denn?«

»Zunächst Büffelstirn und Bärenherz - - -«

»Diese Beiden, die Euch jetzt verfolgen?«

»Ja.«

»Aber so sind sie ja nicht bei dem Grafen!«

»Sie sind ihm vorausgeeilt, um mit Hilfe der Miztecas mir die Hazienda del Erina wegzunehmen.«

»Wer ists noch weiter?«

»Ein gewisser Sternau, ein deutscher Arzt, der aber der gefährlichste von Allen ist. Er ist meinem Geheimnisse so scharf auf der Spur, daß es sich in der größten Gefahr befindet und ich natürlich mit.«

»Aber wie kommt dieser Deutsche in Contact mit den Rodriganda's?«

»Das ist eine lange Geschichte, die Euch ermüden würde.«

»O, ich interessire mich für diese Sache so sehr, daß von einer Ermüdung gar keine Rede sein kann. Erzählt also!«

Cortejo sah sich gezwungen, etwas zu thun, was er vorher für ganz und gar unmöglich gehalten hätte, nämlich diesen Mann, der noch dazu ihm früher so feindlich gesinnt gewesen war, in die Begebenheiten des Hauses Rodriganda einzuweihen. Er that dies aber nur so weit, als es möglich war, ohne sich ganz und gar blos zu stellen. Dennoch aber erfuhr der Pater so viel, daß er am Schlusse des kurz gefaßten Berichtes erstaunt ausrief:

»Aber Sennor, ist das Alles wahr und möglich? Daraus könnte man ja den schönsten Roman machen und ganze Bände mit ihm füllen! Aber könnt Ihr auch der Erzählung Eurer Tochter trauen?«

»Ja. Sie erfuhr fast Alles von dem Vaquero und war dann doch die Gefangene dieses Sternau, der ihr Vieles mittheilte.«

»So ist jener Landola ein großer Schuft gegen Euch gewesen!«

»Ich werde ihn dafür zur Rechenschaft ziehen!«

»Ja, das müßt Ihr allerdings thun, obgleich ich gestehe, daß ich diesem Menschen großen Dank schuldig bin.«

»Ihr? Ihm Dank schuldig? Wieso?«

»Nun, wäre er nicht falsch gegen Euch gewesen, so hätte ich ja nicht die Hoffnung, den Grafen sammt seinem ganzen Anhang in die Hand zu bekommen. Ihr glaubt also, daß wir die beiden Indianer bald hier haben werden?«

»Ja. Sie sind jedenfalls nach der Hazienda geeilt, um sich Pferde zu holen und uns dann zu folgen. Zwei Männern, wie sie sind, kann unsere Spur nicht entgehen.«

»Wäre es nicht besser, sie von dieser Spur abzubringen?«

»Wie sollte man dies jetzt noch anfangen?«

»Ihr laßt Eure Begleiter weiter reiten.«

»Und Ihr denkt, daß die beiden Häuptlinge ihnen folgen werden?«

»Ja.«


// 2014 //

»Das bildet Euch ja nicht ein. Diese Kerls sind so schlau, daß alle unsere Feinheit nicht zureicht, sie zu täuschen.«

»Nun gut. Man wird sie empfangen. Aber meint Ihr wirklich, daß ich Eure Mexikaner im Kloster beherbergen soll?«

»Ist Euch dies nicht möglich?«

»Möglich ist es, aber nicht räthlich. Durch sie würde Eure Anwesenheit verrathen werden. Ihr würdet sehr bald gefangen sein.«

»Was soll ich mit ihnen thun?«

»Entlaßt sie einfach!«

»Sie entlassen? Nein, das geht nicht, Sennor Mandrillo!«

»Warum sollte es nicht gehen?«

»Ich brauche sie ja; ich brauche Leute, viele Leute!«

»Wozu?«

»Habt Ihr vergessen, daß ich Präsident werden will?«

Da legte der Pater ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Präsident? Ihr? Das bildet Euch um Gotteswillen nicht ein! Ihr werdet es nicht einmal zum Gouverneur einer Provinz bringen, viel weniger aber gar zum Präsidenten des ganzen Staates.«

Cortejo fühlte sich in seinem Stolze sehr gekränkt, doch von den trüben Erfahrungen der letzten Zeit beeinflußt, fragte er ziemlich kleinlaut:

»Aus welchem Grunde meint Ihr das?«

»O, ich habe sehr triftige Gründe. Seid Ihr jetzt etwa im Stande, die Franzosen aus dem Lande zu treiben?«

»Nein, jetzt noch nicht.«

»Oder Kaiser Max fortzujagen?«

»Nein.«

»Oder könnt Ihr es jetzt wagen, Euch Juarez entgegenzustellen?«

»Jetzt noch nicht, aber es wird sehr bald geschehen.«

»Ah! Wann denn?«

»Sobald ich neue Leute angeworben habe. Dann wird sich auch der Panther des Südens einfinden, um mir mit seinen Leuten beizustehen.«

»Der Panther des Südens? Glaubt Ihr das wirklich?«

»Ja.«

»So täuscht Ihr Euch ganz gewaltig. Der Panther hat sehr Lust, selbst Präsident zu werden. Was er thut, das thut er nur für sich.«

»O, das weiß ich besser. Ich habe ihm sogar die Bezahlung für seine Dienste vorausgegeben.«

»Wirklich? Das ist ein sehr dummer Streich von Euch. Jedenfalls ist der Gedanke, daß Ihr im Norden des Landes auftreten sollt, von ihm ausgegangen?«

»Das ist wahr.«

»Nun seht, er hat Euch los sein wollen. Auf ihn könnt Ihr nicht mehr rechnen.«

»Alle Teufel! Wenn das wahr wäre.«

»Es ist wahr und ich kann es sogar beweisen.«


// 2015 //

»Womit?«

»Durch einen Brief, den ich von ihm erhalten habe.«

»Was? Ihr steht mit dem Panther des Südens im Briefwechsel?«

»Schon lange Zeit.«

»Darf ich den Brief sehen und lesen?«

»Ja. Ich habe ihn jetzt nicht da, werde ihn aber nachher holen. Ich rathe Euch, Eure Agitation aufzugeben, denn sie wird keinen anderen Erfolg haben, als daß Ihr Euch nur gewaltig lächerlich macht.«

Cortejo sank in sich selbst zusammen. Die Worte, welche er hörte, waren für seine Eigenliebe außerordentlich verletzend. Der Pater stand dabei und erquickte sich im Stillen an der Demüthigung, welche er ihm bereitete.

»Geht jetzt, Sennor Cortejo und holt Eure Tochter,« sagte er. »Ich werde Euch ein heimliches, unterirdisches Gemach anweisen. Eure Leute aber könnt Ihr einstweilen in einer Venta der Stadt einquartiren.«

»Sind sie da sicher?«

»Ja. Sie brauchen nur nicht zu sagen, daß sie zu Cortejo gehören.«

»Und dieser Jäger Grandeprise? Er wird mich nicht verlassen wollen.«

»Er mag mit Euch in das Kloster kommen. Ihn brauche ich nicht zu verstecken. Er besucht mich aus Dankbarkeit, daß ich ihn damals hergestellt habe und mag frei und offen umherlaufen. Das wird Niemand auffallen.« -

Während dieser Unterredung befand Sennorita Emilia sich in ihrem Zimmer. Sie ging nicht zur Ruhe, sondern wurde von der Frage wach erhalten, ob es gerathener sei, gleich heute oder erst später Einsicht in den geheimen Briefwechsel des Paters zu nehmen.

Ihr Zimmer befand sich nicht gar zu weit von dem seinigen und so bemerkte sie, daß Personen leise gingen und kamen. Dies veranlaßte sie, ihr Licht zu verlöschen und die Thür ein Wenig zu öffnen, um zu lauschen.

Nach einiger Zeit hörte sie wieder Schritte. Die Zimmerthür des Paters wurde geöffnet und beim Scheine seiner Lampe sah sie eine männliche und eine weibliche Person bei ihm eintreten. Noch ehe die Thür sich hinter ihnen schloß, bemerkte sie, daß dem Manne ein Auge fehlte.

Nur einige Minuten später wurde sie abermals durch ein Geräusch aufmerksam gemacht. Sie sah den Pater, mit der Laterne in der Hand, auf der Treppe verschwinden, auf welcher sie mit ihm nach dem Keller gegangen war. Er stand nämlich im Begriff, den Brief des Panthers des Südens zu holen, den er Cortejo versprochen hatte.

Sie beschloß, ihm nachzugehen und so glitt sie vorsichtig und lautlos hinter ihm die Treppe hinab. Da er hinter sich alle Thüren offen ließ, so konnte sie ihm fast bis in die Felsenkammer folgen, in welcher er seine Schätze und Papiere aufbewahrte. Sie bemerkte dort, daß er den Schrank öffnete und nach einem Briefe suchte, den er zu sich steckte.

Nun mußte sie eiligst zurückkehren, um nicht von ihm bemerkt zu werden. Sie erreichte ihr Zimmer glücklich und sah auch den Pater in das seinige zurückkehren. Aber bereits nach kürzerer Zeit verließ er dasselbe wieder und zwar in Begleitung der beiden Personen, welche vorhin zu ihm gekommen waren. Er


// 2016 //

führte sie an ihrer Thür vorüber, und dabei hörte sie ihn mit leiser Stimme einige Worte sagen, von denen sie nur einen Theil verstand.

»Sennorita Josefa, Ihr seid da unten vollständig - - -«

Mehr konnte sie nicht vernehmen. Aber kaum waren die Drei vorüber, so kam ihr ein Gedanke, den sie auch sofort ausführte. Sie nahm einige Zündhölzchen zu sich und schlich sich nach des Paters Zimmer. Dort war es dunkel. Sie strich eines der Hölzer an und gewahrte nun beim Scheine desselben die Schlüssel, auf welche sie es abgesehen hatte. Sie nahm sie von der Wand und kehrte mit ihnen in ihre Stube zurück.

Erst nach längerer Zeit hörte sie den Pater wieder zurückkommen. Er war es allein. Er hatte Cortejo und Josefa nach ihrem unterirdischen Asyle gebracht. Er gewahrte nicht, daß während seiner Abwesenheit Jemand zugegen gewesen war. Nachdem er die Laterne auf den Tisch gestellt hatte, schritt er im Zimmer auf und ab und sagte zu sich selbst:

»Welch ein Abend! Die Rache, welche ich fast aufgegeben hatte, ist da. Dieser Cortejo ahnt gar nicht, daß er der Rache noch mehr verfallen ist, als der Graf. Cortejo war damals der eigentliche Urheber meines Unglückes und ihn soll auch die härteste Strafe treffen. Vorher aber soll er mir so viel als möglich behilflich sein, meine Pläne auszuführen. Welche Unvorsichtigkeit! Mir seinem Feinde diese Geschichte der Rodriganda mitzutheilen! Ich werde sie zu seinem Verderben und zu meinem Vortheile benutzen. Alle Teufel! Wenn ich meinen Neffen Manfredo als Graf unterschieben könnte! Aber da wäre es nothwendig, Alle, welche das Geheimniß wissen, aus dem Wege zu räumen. Ich werde abwarten und dann thun, was der Augenblick gebietet. Morgen werden vielleicht die Verfolger eintreffen. Da giebt es zu thun. Ich werde mich jetzt niederlegen und den Brief des Panthers erst morgen wieder in den Schrank legen.«

Dieser Entschluß war ein Glück für Emilia, denn hätte er noch heut Abend den Brief wieder zurückbringen wollen, so wäre von ihm das Fehlen der Schlüssel bemerkt worden. So aber ging er schlafen, ohne zu ahnen, daß die Geheimnisse seiner Correspondenz in Gefahr waren, verrathen zu werden.

Das unternehmende Mädchen wartete noch eine Zeit lang, bis sie überzeugt sein konnte, daß Alles zur Ruhe gegangen war, dann steckte sie eine voraussichtlich genügende Menge Papier und eine Bleifeder zu sich, nahm eine Lampe und ein Fläschchen Brennöl, welches ihr zur Verfügung stand, und ging an ihr Unternehmen.

Sie verschloß ihre Stube und steckte den Schlüssel zu sich, damit Niemand bemerken könne, daß sie abwesend sei. Dann stieg sie ohne Licht leise die bewußte Treppe hinab, welche zu den Kellern führte. Erst dort unten angekommen, brannte sie die Lampe an und öffnete mittelst der mitgebrachten Schlüssel die Thüren. Auf diese Weise, und da sie sich die geheimen Handgriffe gemerkt hatte, welche ihr gelangen, kam sie in die Felsenkammer, in welcher sich das Gesuchte befand.

Sie ging sofort an die Arbeit, indem sie das Schränkchen öffnete und eine der Scripturen nach der anderen öffnete, um sie zu lesen.

Sie waren höchst interessant und für Juarez, ihren Auftraggeber, von der allergrößten Wichtigkeit. Darum nahm sie Papier und Bleistift zur Hand und


Ende der vierundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May – Forschung und Werk