Ekkehard Bartsch
  

»Empor ins Reich der Edelmenschen!«

Karl Mays Wiener Vortrag am 22. März 1912

   

Befremdlich in der Formulierung wirkte er schon damals, vor über hundert Jahren, der Titel von Karl Mays Vortrag in Wien: »Empor ins Reich der Edelmenschen!«, und bereits eine Woche zuvor äußerte sich das ›Illustrierte Wiener Extrablatt‹ vom 14. März 1912 eher spöttisch über den Schriftsteller und fand es »um so verwunderlicher«, dass der Akademische Verband für Literatur und Musik, »der bereits eine stattliche Reihe vornehm-künstlerischer Veranstaltungen auf sein Verdienstkonto buchen darf«, so eine Veranstaltung ankündigte. »Wir sind jedenfalls furchtbar neugierig, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, wie sich ausgerechnet Karl May den ›Aufstieg ins Reich der Edelmenschen‹ vorstellt«.
 

Karl May in Wien 1912

Karl May in Wien 1912 – Archiv: Karl-May-Verlag

   
Eigentlich ist es ja ein von Goethe adaptierter Begriff: »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«, doch Karl May hat ihn dem Werk der von ihm sehr verehrten Friedenskämpferin Bertha von Suttner entnommen. Ihren Vortrag in Dresden hatte er zusammen mit seiner Frau Klara am 15. Oktober 1905 besucht und ihr zwei Tage später einen Brief geschrieben, in dem er seiner starken Ergriffenheit Ausdruck gab. Die Entwicklung des »Gewaltmenschen« zum »Edelmenschen« – letzten Endes zieht sich dieses Thema durch das gesamte Werk Mays. Im Alter formulierte er es dann als den großen, seit Anbeginn angestrebten Inhalt seines Schaffens: in den späten Romanen und besonders in seinem Drama ›Babel und Bibel‹, von dem er kurz nach Erscheinen auch ein Exemplar an Bertha von Suttner schickte. Und so konnte die Wahl dieses Titels für seinen eigenen Vortrag nur als folgerichtig erscheinen. Auf die breite Öffentlichkeit, die den Namen Karl May über Jahre hin vorwiegend aus der Sensationspresse kannte, musste er dagegen sonderbar wirken.
 

Eintrittskarten

Archiv: Ekkehard Bartsch

  
Der vollständige Wortlaut von Karl Mays Wiener ›Friedensrede‹, wie sie später immer wieder genannt wurde, ist nicht überliefert. Seine handschriftlichen Aufzeichnungen, soweit sie erhalten geblieben sind, wurden im ›Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1970‹ abgedruckt. Mit Hilfe dieser (teils fragmentarischen) Manuskripte hatte Klara May bereits 1912 für die zweite Auflage von Mays Selbstbiografie ›Mein Leben und Streben‹ den Text zu rekonstruieren versucht, und in diesem Wortlaut erscheint er auch seit 1916 innerhalb der Gesammelten Werke im Band 34 »Ich«. Weite Strecken des Vortrags hat der Schriftsteller aber wohl frei gesprochen, und wenn ein Zuhörer, Amtsrat Sandner, sich an einen »Ruck der Enttäuschung« erinnert, der anfangs durchs Publikum gegangen sei, so wich dieser offenbar sehr bald dem faszinierenden Redetalent des Dichters. Dabei ging es doch gar nicht, wie mancher Zuhörer vielleicht erwartet hatte, um spannende Karl-May-Abenteuer der berühmten ›Reiseerzählungen‹, sondern um, mit Karl May zu sprechen, »Menschheitsfragen« und »Menschheitsrätsel«. Man hörte Texte aus dem Alterswerk, Erörterungen der Kunsttheorie und des Friedens-Idealismus, Gleichnisse und Märchenmotive, auch Gedichte aus den ›Himmelsgedanken‹, Texte aus ›Und Friede auf Erden!‹ und ›Babel und Bibel‹, sowie das ›Sitara‹-Märchen aus ›Mein Leben und Streben‹.

Heute lebt niemand mehr, der Karl May persönlich hat sprechen hören, und so ist es schwer, sich einen Eindruck davon zu schaffen, wie der Vortrag von Texten, die sich bei der Lektüre eher trocken ausnehmen, als gesprochenes Wort zu einem »Jubel der Massen« führen konnte. Ein kleines Spiegelbild liefert das umfangreiche Presseecho. So spricht das Neue Wiener Journal vom 23. März 1912 von »einer recht weitläufigen Osterpredigt«, spart auch nicht mit kritischen Worten, vermerkt dann aber: »Am stärksten wirkte May, als er von seiner eigenen entbehrungsvollen Jugend und von seinem Elternhause sprach, und stürmischer Beifall unterbrach ihn, als er ein seiner Mutter gewidmetes Gedicht, das voll von ergreifenden Tönen war, vorlas.«

Wichtig war Karl May – besonders seit seinem Roman ›Und Friede auf Erden!‹ – der Gedanke der religiösen Toleranz, und so nahm dieses Thema auch im Wiener Vortrag einen entscheidenden Raum ein. Ausgehend von den alten Religionen der Chinesen und Inder, auch der Inkas, kam er auf die Gesetze des Hammurabi und auf die große Bedeutung Israels und des Judentums zu sprechen, dann mit der Rede des Imam aus ›Babel und Bibel‹ auf den Islam und schließlich auf sein persönliches Bekenntnis zum Christentum. Das ›Deutsche Volksblatt‹, Wien, vom 23. März 1912 sah sich hier zu der Kritik bemüßigt: »Leider machte May dem Judentum, das sehr stark vertreten war, ein Kompliment, indem er darauf hinwies, daß dem Judentum die größte Sehnsucht nach Erlösung innewohnte.« Dies bezog sich auf die Passage, die auch im Manuskript enthalten ist:

»Und Israel, das Volk Gottes! Was haben wir von ihm überkommen und geerbt! Nie können wir genug dankbar sein! Was ist sein Gott für den Poeten! Welche Regeln der Menschlichkeit! Ich habe die Weissagung gesungen: Jesaja 9. Und es genügt mir hier das eine Wort aus dem 60. Kapitel Vers 1: Mache dich auf, werde Licht!«

In die Rekonstruktion des Vortrags hat Klara May diesen Text fast wörtlich übernommen, und dort blieb er auch innerhalb des Bandes »Ich« unverändert bis zur 12. Auflage (1933). Dann jedoch begann die dunkle Zeit, als das berüchtigte ›Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda‹ am Wilhelmsplatz in Berlin dem Verlag immer massivere Vorschriften machte. Und so wurde von der 13. Auflage (1938) an der Text ersetzt durch eine neue Formulierung:

»Und die Bibel, das Buch der Bücher! Was haben wir von ihr nicht alles übernommen und geerbt! Welche dichterische Schönheit! Welche Regeln der Menschlichkeit! Ich habe als Knabe die Weissagungen gesungen: Jesajas 9. Und es genügt mir hier das eine Wort aus dem 60. Kapitel, Vers 1: Mache dich auf, werde Licht!«

Diese Textfassung blieb im Radebeuler Band »Ich« bis zur 20. Auflage (1942). Als die erste Ausgabe nach dem Krieg, die 21. Auflage von 1958, erschien, lebte keiner der damaligen Bearbeiter mehr, und so wurde für die Neuausgabe guten Glaubens die letzte Radebeuler Fassung unverändert übernommen. Das gilt für die 21. bis 26. Auflage (alle Ausgaben mit dem geprägten Deckelbild) und auch für die umgestaltete Neuausgabe, die 27. Auflage von 1968 (mit dem Karl-May-Porträt von Selmar Werner als Deckelbild). Erst durch die Dokumentation zur Wiener Rede im ›Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1970‹ tauchte die Originalversion wieder auf. Und so konnte Roland Schmid ab der 28. Auflage 1971 auch im Band »Ich« auf den korrekten Wortlaut zurückgehen.

Dieser Exkurs in ein Stückchen Editionsgeschichte dokumentiert, welch absurde Formen so eine politisch-ideologische Bevormundung annehmen kann und wie Karl May plötzlich in den Strudel dieser Verirrungen gezogen wurde.

Den Verlauf des – laut Presseberichten – rund zweieinhalbstündigen Vortrags nachzuzeichnen, würde den Rahmen dieser Erinnerungsblätter sprengen. In dem erwähnten Jahrbuch 1970, das ja bis heute mühelos greifbar ist (Hansa-Verlag, Husum), sind alle handschriftlichen Aufzeichnungen Mays enthalten, seine letzten Presse-Interviews, das umfangreiche Presseecho, die beiden hervorragenden Aufsätze von Robert Müller, dem die Einladung nach Wien überhaupt zu danken war und der sich publizistisch für ihn einsetzte. Und nicht zuletzt Hans Wollschlägers abrundender Aufsatz »Sieg – großer Sieg – – . Karl May und der Akademische Verband für Literatur und Musik«, der interessante biographische und geistesgeschichtliche Zusammenhänge überzeugend vermittelt. Eine eher kritische Erwähnung verdient noch die Wiedergabe des Wiener Vortrags in dem Buch von Fritz Barthel ›Letzte Abenteuer um Karl May‹ (Bamberg 1955), eine mit großem Enthusiasmus geschriebene Karl-May-Huldigung, die sich jedoch vom Inhalt her nicht belegen lässt. Hansotto Hatzig vermerkte dazu einmal gesprächsweise, es gäbe Berichte über eine große Friedens-Veranstaltung von Bertha von Suttner, die nahezu dieser Schilderung entspräche und die Barthel einfach auf Karl May übertragen habe.
 

Briefmarke

Archiv: Ekkehard Bartsch

  
Diese bereits eingangs erwähnte bedeutende Friedenskämpferin und Friedens-Nobelpreisträgerin, mit der May seit 1905 in Verbindung stand, gehörte zu den prominentesten Zuhörerinnen seines Vortrags und saß, wohl zusammen mit Klara May, in der vordersten Reihe im Sofiensaal. Bereits mit Brief vom 13. März 1912 hatte sie ihr neuestes Buch ›Der Menschheit Hochgedanken‹ an Karl May geschickt; der Band – mit handschriftlichen Anstreichungen und Anmerkungen Mays – findet sich noch heute in seiner Bibliothek. Kurz nachdem der Schriftsteller am 20. März in Wien eingetroffen war, besuchte ihn Bertha von Suttner im Hotel Krantz, und dort haben sie wohl auch erstmals persönlich miteinander gesprochen. Sätze aus ihrem neuen Buch waren es auch, mit denen Karl May am 22. März seinen Vortrag abschloss. Das Thema Fliegen hatte er zuvor aufgegriffen, das ja auch in seinem letzten Roman ›Winnetou IV‹ (heute besser bekannt unter dem späteren Titel ›Winnetous Erben‹) eine Rolle spielte. Den geistigen Höhenflug, den er bereits in den Klassikern erkannte, verband er nun mit Gedanken über die Chancen und Gefahren des körperlichen Fliegens und zitierte Bertha von Suttner:

»Wehe, wenn man noch viel länger säumt […]. Verfolgung, Knechtung, Entrechtung und Vernichtung dürfen nicht länger als legitime Mittel zur Erreichung sozialer und politischer Zwecke gelten. Denn zu gewaltig sind die Vernichtungsmöglichkeiten herangewachsen. Vor dem fliegenden Menschen kann man sich nicht anders schützen, als daß man ihn zum Bruder macht.«

Prophetische Worte, geschrieben und gesprochen zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, des ersten Krieges der Weltgeschichte, in dem Luftkämpfe eine bedeutende Rolle spielten. Erlebt haben diesen Krieg beide nicht mehr. Karl May starb acht Tage nach seiner Wiener Rede, am 30. März 1912, Bertha von Suttner am 21. Juni 1914, wenige Wochen vor Beginn des furchtbaren Krieges, den sie – wie ihr »Gesinnungsgenosse« Karl May – so verzweifelt verhindern wollte. Aus ihrer Feder stammt auch der sehr ergreifende und oft zitierte Nachruf, der am 5. April 1912 in der Wiener ›Zeit‹ erschien und in dem sie noch einmal auf den 22. März und auf den Vortrag im Sofiensaal zurückblickte:
 

Nachruf
 

 


  

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